Der Streit um Werte, Meinung und Macht
Galten Diversität, Flugscham und Gendern vor kurzem noch als zeitgemäß, scheint das Pendel nun in die andere Richtung zu schwingen. Konservatismus ist im Trend. Wirtschaftsunternehmen ziehen sich aus Diversitätsprogrammen zurück, Bundestagspräsidentin Julia Klöckner verbietet, dass zum Berliner CSD Regenbogenfahnen auf dem Reichstag wehen, und der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht in der Kritik, zu einseitig und eher links zu berichten.
In ihrer neuen Reportage gehen „Tagesthemen“-Moderatorin Jessy Wellmer und Regisseur Dominic Egizzi dieser Entwicklung nach. Erleben wir gerade eine Gegenbewegung zu dem, was viele als Übermaß an politischer Bevormundung empfunden haben? Oder vollzieht sich ein grundsätzlicher gesellschaftlicher Wandel, der weit darüber hinausgeht? Könnte es auch in Deutschland zu Verhältnissen wie in den USA von Donald Trump kommen, wo die Gräben zwischen politischen Lagern immer tiefer werden und ganze Familien und Freundeskreise spalten? In Gesprächen mit Prominenten und Menschen aus dem Alltag, die für ganz unterschiedliche Perspektiven stehen, sucht Jessy Wellmer Antworten auf diese Fragen. Das Erste sendet die Reportage am Montag, dem 15. Dezember, um 20.15 Uhr. Ab diesem Tag wird sie auch in der ARD Mediathek abrufbar sein.
So unterschiedlich die Haltungen der Gesprächspartner auch sind, nehmen sie doch alle eine starke gesellschaftliche Polarisierung wahr. Besonders deutlich zeigt sich das am Fall einer Tanzgruppe von Seniorinnen aus Mannheim. Sie wollten auf der Bundesgartenschau einen Kostümtanz aufführen. Ihnen wurde aber von der BUGA untersagt, in einigen ihrer Verkleidungen aufzutreten. Kostümierungen wie mexikanische Sombreros seien zu klischeehaft und könnten Gefühle verletzen. Erika Schmaltz, Gründerin der Tanzgruppe, überzeugt dieses Argument nicht: „In Bayern laufen sie alle mit Dirndl und Lederhosen rum, ob es jetzt Bayern sind oder nicht. Besonders die Japaner kommen alle im Dirndl und Lederhosen. Da sagt kein Mensch was. Und wenn wir mit dem Sombrero rumlaufen, regt sich plötzlich alles auf.“ Fabian Burstein, der damalige Kulturchef der BUGA, erklärt seine Sicht auf den Konflikt, der große Wellen geschlagen hat.
Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Ackermann erläutert, welche Konsequenzen es aktuell haben kann, seine Meinung öffentlich zu äußern. Wenn zum Beispiel „ein Shitstorm losbricht, dann ist das ja eigentlich das Ende der Debatte. Dann wird jemand delegitimiert, wird an den Pranger gestellt, wird moralisch diskreditiert. Und das sorgt natürlich dafür, dass die Leute vorsichtiger werden mit dem, was sie sagen. Und deshalb ist es wichtig, dass man tatsächlich wieder anders Debatten führt.“
Autor und Entertainer Riccardo Simonetti berichtet, dass ihm „die unmenschlichsten Dinge“ geschrieben würden. „Die Menschen schreiben das, weil sie sich so sehr im Recht fühlen, dass sie gar nicht darüber nachdenken, dass das vielleicht irgendwelche Konsequenzen für sie haben könnte“. Ähnliche Erfahrungen hat auch Ex-Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber gemacht, der nun als Reporter für den Springerverlag arbeitet. Menschen hätten hinter seinem Rücken ein Foto von ihm aufgenommen, um ihm dieses dann auf Social Media zu schicken – mit dem Zusatz: „Nächstes Mal habe ich ein Messer dabei.“ Daher wäre es naiv anzunehmen, „es könnte nie etwas passieren. Und das hätte ich vor ein paar Jahren anders gesehen.“
Simon Usifo, Geschäftsführer des deutschen Ablegers einer großen Werbeagentur, berichtet davon, dass Unternehmen weniger auf das Thema Diversität setzen: „Dieses Bekenntnis zur Vielfalt und Stärke wird zurückgedreht. Das ist jetzt schon ein kritischer Moment, ein Scheideweg.“
Und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer warnt davor, dass unsere Demokratie vor allem von rechts bedroht würde: „Wir haben eine fundamentale Verschiebung, wir haben einen Achsbruch unserer Gesellschaften. Autoritarismus ist die neue Bedrohung unserer Generation.“
War die sogenannte progressive Strömung der vergangenen Jahre zu dominant? Erleben wir deswegen nun eine Gegenbewegung? In ihren Begegnungen will Jessy Wellmer ergründen, welche Entwicklung sich gerade in Deutschland vollzieht. Ergänzt werden die Gespräche durch exklusive Umfragen von infratest dimap, die ein umfassendes Bild von der Stimmung im Land zeichnen.
Jessy Wellmer: "Ich habe Menschen mit ganz unterschiedlichen Haltungen und politischen Positionen getroffen. So verschieden sie auf die Lage im Land auch geguckt haben, waren sie doch alle an einem Austausch interessiert. Diese Offenheit gibt mir Hoffnung."
Nach "Hört uns zu! Wir Ostdeutsche und der Westen" (2023) und "Machen wir unsere Demokratie kaputt?" (2024) ist "Wie zerrissen ist Deutschland? Der Streit um Werte, Meinung und Macht" die dritte Reportage, in der Jessy Wellmer und Dominic Egizzi sich perspektivenreich mit dem Zustand der Demokratie in Deutschland auseinandersetzen.